Wo Grips, ist auch ein Holm.

Immer wieder habe ich als Heranwachsender von diesem einen Platz geträumt. Wachgeträumt. Ein Platz, der vor allem durch seine Geschichte sich in Hirn und Herz eingenistet hat. Aber es hat nie klappen wollen, diesen einen Ort zu besuchen. Träume haben eine unangenehme Eigenschaft, der Wirklichkeit nie ganz zu entsprechen und sich immer weiter zu entfernen, je länger sie Traum bleiben.

Laura hat mir vor drei Jahren diesen Platz gezeigt: Schloss Gripsholm in Mariefred, Schweden.

Das Schloss an sich ist eindrücklich und noch intensiver, als ich mir in meinen damals noch nicht so kühnen Träumen vorgestellt hatte. Doch dann lief es mir heiss über den breiten Rücken. Genau dort und nur dort muss es sein.

Diese kleine Brücke führt zu einer Bank im Schatten aus- und einladender Baumkronen. Ich sehe mich im Geiste - ja, nur da zurzeit - wie ich mich etwas tatterig über mein Notizbuch beuge, die Augen zusammengekniffen, den Füller etwas verkrampft halte und zittrig einen Satz zu schreiben beginne. Ich sehe immer auf und über den See, sauge die frische Luft ein und warte auf das nächste Fragment einer Eingebung. Etwas Speichel läuft mir über die linke Mundecke. Ich lächle. Ich setze wieder zum nächsten Wort an. Endlich sehe ich den vollständigen Satz vor meinem geistigen, noch gesunden Auge und setze die Spitze der Füllfeder auf das Papier. Die Feder kratzt langsam über die Zeile, ich stocke...

Fragen über Fragen ohne Zeichen. Ein Spaziergänger hat sich gewundert, dass der Mann mit dem fülligen, schlohweissen langen Haar sein Notizenheft achtlos auf den Boden fallen liess. Beim Näherkommen sah er, dass der Mann krampfhaft den Füller in der rechten Hand hielt, die Augen über den See gerichtet hielt, aber nicht mehr zu atmen schien.

Der erste September 2060 war ein Mittwoch, sonnig und mit einem lauen und launischen Wind bestückt, als ich mit einem unbeendeten, fragebehafteten Satz mein Leben verliess. Auf der kleinen Insel vor dem Schloss Gripsholm.