Storyteller

In die Geschichte eingehen ist ein grosses Ziel. Aber erst Mal muss man Geschichte machen.
Und jemand darf sie aufschreiben.
Ich, zum Beispiel.

 
Dr Ranzenedi meint

Dr Ranzenedi meint

Christian Wehrli03.10.2015

Zurück zu den Fragen. Ich sehe die Schlagzeilen gegenüber beim Kiosk und bin oft hin und hergerissen. Gut, man sieht es mir nicht an, aber auch meine Gefühlswelt kann hier und da aus den sogenannten Fugen geraten. Vor allem dann, wenn man wie ich auf einem Brunnenrand sitzt. Und quasi alleine eine Randgruppe bildet. Diese Schreckensmeldungen über die neue Völkerwanderung aus dem nahen Osten nach Europa füllen die Blätter der Printmedien. Dann höre ich die Wartenden auf dem Traminseli vor meinem Brunnen über dieses Thema reden. Au weia. Da grassiert aber bei manchen Menschen die Angst vor möglichen Szenarien doch sehr dramatisch. Angst vor Verlust des eigenen Wohlstands, Angst für fremden Menschen, die da unser Basel überschwemmen wollen. «Asylanten». Ein Wort, das in den letzten Wochen und Monaten einen bitteren, hässlichen Beigeschmack erhalten hat. Dabei ist es doch egal, wie diese flüchtenden Menschen kategorisiert werden. Denn in erster Linie sind es ja Menschen. Also wie Du und… also wie Du. Ich mag ja als harter Klotz gelten. Aber ich weiss, was Humanismus bedeutet. Vor allem jetzt.

«Sechzig ausserortentlich»

«Sechzig ausserortentlich»

Christian Wehrli23.08.2015

Eine Schifffahrt, die ist lustig. Eine Stadtbesichtigung spannend. Und eine Rheinunterquerung mystisch. Aber noch besser werden diese Unternehmungen, wenn sich ein paar Jungs und Mädels in den frühen Sechzigern nach Jahren wieder treffen. Und diesen abwechslungsreichen Tag zusammen erleben. 

Auch nach 47 Jahren seit dem ersten gemeinsamen Schultag im Hinterzweienschulhaus in Muttenz sind einige Dinge noch immer dieselben wie damals. Eigentlich hätten die ehemaligen Schulischen sich in der damaligen Bäckerei gegenüber des Schulhauses einen bereitgestellten Pausenweggen holen sollen. Darauf steckte flaggenhaft, wo sie sich einfinden können. Und was passiert? Alle stehen vor der Ladentüre des jetzigen Coiffeurladens und plaudern, lachen, schäkern und diskutieren. Wie in der grossen Pause. Und wie damals kommt niemandem in den Sinn, diese Pause beenden zu wollen. Erst nach einem Zuruf im strengen Schulton von damals: «Hey, d'Pause isch denn verbyy! Sofort yhnechoh!!!» bequemen sich diese dann ins ehemalige Schulzimmer. 

Willy ist seit seiner Geburt ein Wasserfahrer. Das ist an sich nichts Schlimmes, obwohl vielleicht etwas verwässert. Aber aus eben diesem  Grunde schippern wir mit einem Langschiff auf dem Rhein und mit Wein sowie Chips in Richtung Schleuse Kaiseraugst. Welche Wohltat, die Umgebung vom Wasser her zu betrachten und sich vom Fahrtwind einlullen zu lassen. 

Rheinfelden - die übergangene Stadt

Ein Stadtführer führt uns - völlig unerwartet - durch die Stadt Rheinfelden. Und erzählt über die gloriosen, kriegerischen, erfolgreichen und vor allem alten Zeiten der prächtigen Stadt am Rhein. Das Wichtigste: Die Rheinfelder sehen sich nicht als Aargauer, was wir Muttenzer und Basler als ein glattes 1:0 betrachten. Und siehe da, Rheinfelden hat enorm viel zu bieten. Nur schade, dass dies fast niemand weiss. Die Erfindung des Wasserkraftwerks, die Entdeckung des Solebades und natürlich der wiedergefundener Hopfen und das Malz in einem Schlösschen im Feld sind die Highlights der kleinen Stadt mit der grossen Vergangenheit. Rheinfelden war in der Region bedeutungsvoll. Denn die Bewohner  waren auch Brückenbauer, denn sie haben die erste Brücke am Rhein überhaupt gebaut. Dies würde Gottlieb Duttweiler heute noch ärgern. Wenn er es denn wüsste oder mitbekäme.

Aber trotz allem vergangenen Glanz und Gloria ist Rheinfelden in der Altstadt ein kleines Bijou. Ergo sehens- und erlebenswert. 

Basel heizt ein

In Basel führt die Wärme eine Fernbeziehung. Diese wird in Röhren gepresst und dann kilometerweit in die entsprechenden Körper zum Einheizen geschickt. Der Weg der Röhre führt 20 Meter aber auch unter dem Rhein hindurch. Durch einen grossen Tunnel bei der Dreirosenbrücke nämlich. Selbstverständlich wollen wir, die Investigativen der Klasse R4C, dies mit eigenen Augen sehen und mit vollem Körpereinsatz spüren. Denn wir glauben nichts, wir wollen wissen. Naja, auch damals vor 47 Jahren? ... aber das ist ein ganz anderes Thema. Also steigen wir erst mal ab. Eine Wendeltreppe führt hinunter und bei einigen von uns zu schwindligen Gefühlen, obwohl wir doch alle ehrliche Zeitgenossen sind. Und siehe da: Wir entdecken ungeheuerliche Zustände am Grunde des Rheins. Da sind viel mehr Röhren, als wir erwartet hätten. Diese grosse schwarze Dicke zum Beispiel führt trinkbares Wasser mit sich. Vom Gross- ins Kleinbasel. Ach, da ist ja noch eine kleine Gelbe mit dem unscheinbaren Hinweis: «Erdgas». Na sieh mal an, was die Recherche mit Klasse und der Formel R (Recherche)  + 4 (Vier alle) = C (Chaos) ergeben hat. Der Auftrag ist abgeschlossen und die Investigativen schlängeln sich die schmalen Stufen ans Glaibasler Tageslicht empor. Uff, geschafft. 

Good Times. Old Times. Right Times. 

Die Fotos der Vergangenheit gehören ihr zwar an, sorgen aber auch heute noch für viel Gelächter und noch mehr Gerüchte. Da sind Aufnahmen zu sehen, die bei einigen Gesichtern doch ein paar Ahnungen geweckt zu haben scheinen. Aber vor allem hatte das OK Klassentreffen viel Ahnung, wie sich ein solch langer Tag mit etwas angegrauten, aber unternehmungslustigen Sechzigern organisieren lässt. 

Ein durch und durch entspannter, aber spannender Tag mit Klasse.   

Kein Text mit den Ex!

Kein Text mit den Ex!

Christian Wehrli09.08.2015

Bekanntlich habe ich von einigen Dingen zu viel. Zu viel Gewicht. Zu viel Ehrgeiz. Und neu zu viel Ferse. Das alles spornt aber enorm an. Gewicht und Fersensporn soll weg, Ehrgeiz soll gefälligst bleiben. 

Ergo bleibt nur der Gang zum Experten. Ex-Perten sind ja diese Menschengattung, die sachkundig sind, Erfahrung besitzen und davon einige erprobt haben. So jedenfalls lautet die offizielle Erklärung. Übrigens stammt der Begriff «Expert» weder aus dem lateinischen noch aus dem griechischen Wortschatz. Nein, diesmal haben die Franzosen zugelangt. Ein Volk, dass schöne Autos produziert, die bereits im Katalog rosten! Ach, das war früher so? OK, na dann...

Nun gibt es verschiedene Experten auf diesem Planeten. Einige sind wirklich sachkundig, weil sie das Fachgebiet auch studiert haben. Mit der Praxis  - eine eigene oder fremde ist egal - wird dann das erworbene Wissen an lebendigen Objekten ausprobiert. Deshalb folgt dann die Erprobung als zweiter Punkt, den der Experte dann als «ex» abhaken kann. Die Erfahrung schlussendlich erlangen diese Fachleute dann durch die Patienten. Denn dieser wird ja die Erfahrung durchlaufen. Apropos Laufen. 

Seit ich mich öffentlich als Fersengespornter geoutet habe, wachsen Experten wie Pilze aus dem weichen Waldboden. Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Zum Beispiel mit Stosswellentherapie oder Akupunktur oder Salzen oder Tees oder ... Toll. Und was tue ich mit all diesem Wissen, dem vermeintlichen oder echten? Klar, kann ich die Spreu vom Weizen trennen. Sobald ich diese als solche erkannt und identifiziert habe. Gute Idee. Echt. 

Nun, ich erinnere mich. An meinen Körper. Der spricht ja bekanntlich mit mir. Manchmal etwas undeutlich oder auch eingeschnappt und entsprechend nuschelnd. Aber was ich dann nicht verstehen sollte, lässt er mich postwendend spüren. Beispiel? Fersensporn. 

Was ihm besonders gefällt, meinem Körper, ist meine Rücksichtnahme auf seine Ferse. Denn ich laufe neuerdings vorderfüssig rücksichtsvoll. Das heisst, ich entlaste und dehne gleichzeitig meinen Fuss. Das mag er. Nicht immer, aber immer öfters. 

Zusätzlich habe ich mir in der Merian Iselin Klinik einen Experten gesucht. Bedingung: Marathonläufer und Physiotherapeut. Seit einer Woche bin ich bei ihm in Behandlung. Und siehe da, der Mann spricht meine Sprache. 

Vor dem Laufen drei Minuten die Ferse dehnen und nach dem Lauf nochmals. Das mag die Ferse. Der Sporn weniger. Und es wirkt. Gut, er physiotherapiert mich auch noch. Aber heute habe ich auf diesen zehn Kilometern - mit ein paar wenigen Stopps für Fotos - meine Ferse nie gespürt. Na siehste. Geht doch, mein Alter. Mein Körper. 

So, der Marathon kann rufen solange er will. Ich kann Prioritäten setzen. Und laufen. Mein Sporn hat Priorität Nummer eins. Dann klappt's auch mit dem Rest. 

Mode-Ration

Mode-Ration

Christian Wehrli20.07.2015

Der trockene Mund und der unbändige Durst nach Wasser gehören wahrscheinlich dazu. Lampen sind heiss. Und Lampenfieber macht durstig. Viertel nach fünf am Samstagnachmittag. P.S. Corporation sind teilweise bereits bei und auf der Bühne versammelt. So, Mikro hab' ich, Notizen auch. Und los geht's.

Lampenfieber ist eine sehr gute Erfindung. Der Blick wird geschärft, der Puls läuft Amok und die Konzentration ist am oberen Limit. Und funktioniert. So ein Spickzettel ist zwar wichtig, aber dieses Mal habe ich mir keine fertigen Texte mehr notiert. Ist einfach besser. Denn wer will schon einen Vorleser am Jazz uf em Platz? Zudem bleibt mehr Blickkontakt zu den Gästen, die um halb sechs alle die Schattenplätze besetzt haben. Ach, da sitzt ja Herta. Die Zürcherin, die extra zum Jazz uf em Platz nach Binningen zu einer Freundin gereist ist. Und jetzt sitzt sie beim Dorfbrunnen und wartet, was da kommen und spielen mag.

Ansage fertig, Band beginnt zu spielen und ich bin entlassen. Für eine Stunde. Yes. Und jetzt zurück zur Wasserquelle. Die paar Notizen für die Bands und die Sponsoren sind vollauf genügend. Mehr ist einfach zu viel. Es ist zwar toll, sich einen Text für jeden Moderationsteil auszudenken und diesen dann feinsäuberlich in Mundart zu notieren. Tolle Idee, hat aber nicht funktioniert. Zu verschieden sind die Situationen, auf die man trifft. Oder die Menschen, die erwartungsvoll auf die nächste Band warten. Und diese wollen die Band sehen, nicht den Moderator. Und das ist auch sehr gut so. Deshalb kurz, klar und knapp ansagen. Und tschüss. Bühne frei für die Attraktionen.

Es war wieder eine tolle Erfahrung, sich die Gäste am Jazz uf em Platz einerseits von der Bühne aus, aber dann auch unten auf dem Platz zu betrachten, wie sie die Stimmung und das Angebot geniessen.

Geniessen? Ja, das konnte auch ich. 

Vom Maitli zer Madame

Vom Maitli zer Madame

Christian Wehrli07.07.2015

So ein Leben mit Freunden und Familien hat enorme Zeitsprünge im Gepäck. Erst waren wir noch «Dr Grischdi» und «d'Anna», also Götti und Göttitochter mit «Freundin» und «Mama» Francesca chinesisch essen. Eine Fünfzehnjährige, die plötzlich begeisternd erzählt, fragt, überlegt, nachhakt und über Missstände klagt, Zukunftsvisionen hat und vollends in die Musik verliebt ist. 

Nun steht sie da im wundervollen extra für sie geschneiderten Kleid (Mama kann's) und will jetzt heiraten. Selten habe ich eine solch selbstverständliche Hochzeit erlebt. Da wird kein grosses Aufhebens gemacht. Da ist die Mairie, dort ist der Bräutigam und da ist die Familie und irgendwo sind die Freunde. Let's go! 

Die Zeremonie ist eher ein Techtelmechtel zwischen den Brautleuten. Es wird viel gelacht, nicht nur gelächelt. Da haben sich zwei wirklich gefunden. Denn sie haben beide dasselbe im Nacken: Monsieur Schalk. 

Meine kleine grosse Göttitochter ist jetzt unterwegs irgendwo in der Welt. Mit ihrem Ehemann. Unglaublich. Unglaublich schön. Und so selbstverständlich. 

Anna ist nicht nur eine schöne Braut, sondern eine wundervolle, warmherzige, achtsame und vor allem musikalische junge Dame mit enorm viel Humor. Ach ja, und Schalk. 

Was heisst eigentlich Schalk auf elsässisch?

Noch grün hinter den Toren?

Noch grün hinter den Toren?

Christian Wehrli20.06.2015

Jetzt hat Oekostadt Basel die Hinterhöfe entdeckt und gleich auch ein Projekt gestartet: «Grüner Hinterhof». Es muss ja nicht zwingend sein, dass der Hinterhof so völlig jenseits vom Attribut «schön» das Leben fristen muss. Es gibt nicht nur kosmetische, sondern auch oekologische und damit sinnvolle Wege, den Hinterhof aufzuwerten. Meistens sind diese Höfe geteert und nicht unbedingt ein Platz, auf dem sich Menschen im Sommer oder Frühling gerne draussen aufhalten wollen. Mit etwas Begrünung kann auch ein hässlicher Hof plötzlich eine angenehme und einladende Erscheinung bekommen. Zudem erhitzt sich der Hof nicht so stark, wenn der geteerte Boden entsiegelt dh. aufgemacht und mit Erde bepflanzt wird. Bereits einen Teil zu begrünen schafft mehr Wohnqualität. Ein bepflanzter Boden nimmt Regenwasser auf, speichert dieses und gibt es an das Grundwasser ab. Was für eine nette Geste.
Zudem wird bei heftigen Regengüssen die Kanalisation entlastet und kann erst noch Feuchtigkeit an die Pflanzen abgeben. Pflanzen haben zudem die schöne Eigenschaft, kühlend zu wirken und für mehr Sauerstoff zu sorgen sowie damit die Luft zu reinigen. Nicht zu vergessen, dass ein begrünter Hinterhof auch Lebensraum für Pflanzen und Tiere wie Bienen und Vögel bietet.

Gesucht: williger Hinterhof

Der Verein Oekostadt Basel bietet mit Unterstützung des Amts für Energie und Umwelt und Sponsoring die Umsetzung von Hinterhofbegrünungen an. Zudem winkt eine Prämierung im 2016 / 2017 und entsprechende Preisgelder. Auf der Website von Ökostadt Basel sind alle Infos zu dem Projekt»Grüner Hinterhof» zu finden.
Website

Der Lachs ist ab.

Der Lachs ist ab.

Christian Wehrli14.06.2015

Essen dort anschauen, wo es frisch und möglichst unverfälscht angeboten wird? Da bieten sich nur die Markthallen und der Fischmarkt an. Eine Welt der wunderbaren Genüsse erst Mal für die Augen, später für den Rest. In Barcelona gibt es verschiedene Markthallen. Die wohl bekannteste ist die Mercat de la Boqueria direkt an der Rambla. Aber die wollten, nein sollten wir nicht besuchen, meint Marco, der Bruder unserer hervorragenden und entzückenden Sarah in Barcelona. Er hat uns einen Tipp einer Adresse, die vor allem von Einheimischen genutzt wird. SUPER! Mercat Santa Caterina heisst die Wunschadresse.

Die bezaubernde und unternehmungslustige Laura und ich machen uns. Auf den Weg auch. Und zu Fuss und mit einem genauen Plan im Kopf. Sowie Sarah's Originalplan in der Tasche. Man weiss ja... Im alten Kern Barcelonas hat es derart viele einladende, enge Gässlein, die hervorragend von der Mittagssonne schützen. Wandeln besteht ja vor allem aus Lust. Und Freude an Neuem, Altem, Historischem, Hübschen, Ausserordentlichen und Entzückendem auf dem Weg. Den Luxus der Langsamkeit zu geniessen ist für mich ja gerannte Normalität. Aber auch Laura scheint die Bedächtigkeit zu geniessen.

Da! Und auch da! Jetzt meldet er sich doch noch. Der kleine Hunger mit grossen Ambitionen meint dann mal so nebenbei: «Wie wär's mit e weeneli z'Ässe, Herrschafte?» Vor lauter Staunen und uns umsehen haben wir etwas die Richtung zum Mercat Santa Caterina aus den Augen verloren. Zum wirklichen Kartenlesen muss man normalerweise weder Mike Shiva noch Pfadfinder sein. Aber etwas Orientierungssinn würde auch nicht schaden. Wir sind mal wieder am Kreisen. Das kann doch nicht sein, dass wir diese wohl grosse Markthalle nicht finden! Aber das Gute liegt doch manchmal sehr nah. Ein freundlicher Galerist hilft.

Es ist umwerfend! Obwohl die Halle riesig wirkt, ist sie gemütlich und wohlig. «Let's begin the gutes Essen». Hmmm...dieser Lachs. Und die Sauce.

Und der Rest ist Schweigen und enormes Geniessen. 

Metrospirituell

Metrospirituell

Christian Wehrli11.06.2015

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Sie aber auch. Stimmt haargenau, solange einem die Reise nicht etwas spanisch vorkommt. Denn vor allem im Untergrund kann dieser Umstand blockierende Auswirkungen haben. Nun aber mal ganz von vorn. 

Laura und ich sind in Barcelona angekommen. Und Barcelona ist gut bei uns angekommen. Denn die Stadt hat was. Vor allem eine stolz-schöne Ausstrahlung. Und sie ist grossflächig direkt am Meer hingepflanzt. Diese prächtige Stadt nur zu Fuss zu erkunden, wäre auch für sportlichere Menschen eher hinderlich. Deshalb haben sich einige Planer die Metro ausgedacht. Ein ausgeklügeltes System, das wie auf Schienen läuft. Im minuten und minuziösen Takt. Das System hat nur einen Haken: Der Zugang. In mindestens zwei Akten.

Akt 1: Die Fahrkarte. Der freundlich gesinnte Automat macht keinerlei Schwierigkeiten. Aber nur, weil uns bei Sarah, unsere bezaubernde Einheimische, die Sache erklärt und auf die kleinen Post-It Zettelchen im Stadtplan notiert hat. «Zona 1», Betrag bestätigen und los geht's. So weit so betickt nähern wir uns dem Eingang zur grossen Fahrt im Untergrund Barcelonas.

Ein dünner Schlitz, zwei Glastürchen und der Weg ist frei. Der Zug in die Weiten steht uns offen.

Akt 2: Die Geschichte wäre hier nun zu Ende, wenn da nicht noch der zweite, fiese Teil wäre. Und wir dieses maledeite System durchschaut hätten. Haben wir aber nicht. Der Weg vom Zug zur Oberfläche der Stadt am Meer ist mit Schwierigkeiten gepflastert. Oder eher verglast. Mit der Tageskarte in der Hand nähern wir uns dem Ausgang. Dieser ist aber nicht offen und führt an die Frischluftoberfläche. Nein, dieser hat Barrieren. Für Schwarzfahrer wahrscheinlich gedacht, die sich dann grün ärgern, blau anlaufen und bleich nach Kleingeld suchen.

Aber wir haben eine gültige Fahrkarte. Sogar eine, die den ganzen Tag ausfüllen wird. Für Zona 1. Jawoll. Nützt uns aber nichts.

Da steht er nun. Der lichtverheissende Durchgang, der von zwei transparenten Glastüren versperrt ist. Ein dünner Schlitz - hatten wir ja schon - und die Tür sollte sich öffnen. Tat sie auch. Die erste jedenfalls. Und blieb dann einfach offen stehen. Im Gegensatz zu ihrem Gegenstück. Dieses verweigerte sich und uns jegliche Art von Öffnung. So, da steh'n wir nun und wissen nicht mehr weiter...

Als Mann der Tat geselle ich mich zu Laura in diese seltsame Zwischenwelt aus Hades und Verheissung. Aber die Tür bleibt geöffnet. Ah, da ist ja ein Knopf und im astreinen Spanisch angeschrieben. So kommt er mir nun auch vor. Spanisch eben. Der Knopf ist rot. Die Türe blockiert. Mann kombiniert. Und drückt.

«Yyyyy...piiiiip....» tönt es freundlich über quadrophonisch aufgehängten Lautsprecher. Sehr Lautsprecher. Und wir hängen fest. Zwischen zwei Glasscheiben. Nach gefühlten drei Stunden und wirklichen drei Minuten taucht eine freundliche Uniformierte auf. Sie erklärt in astreinem Spanisch... hatten wir bereits? Die Zeichen der Zeit und die ihrer Hände bedeuten, dass ich wieder aus diesem Durchgang raus und in den Hintergrund treten solle. Keine leichte Sache.

Aber dann: EIN WUNDER! Die erste Türe schliesst sich. Und die Ausgangstüre öffnet sich. Laura schiebt mir die Tageskarte durch einen dünnen Schlitz in der Glasscheibe... Der Rest ist Metro-Geschichte.

Freudig schnuppern wir die auspuffgasgeschwängerte Luft unter stahlblauem Himmel. FREIHEIT! SÜSSE FREIHEIT! 

Fazit: Eine Tageskarte macht nur dann Sinn, wenn man hier und da auch das Tageslicht sieht.

Eighteen. A Teen.

Eighteen. A Teen.

Christian Wehrli08.06.2015

Sie sticht aus der Menge wie ein hochgereckter Daumen in der Kirche. Ein sehr attraktiver Daumen. Sie lässt sich nicht anmerken, dass sie überhaupt Schmerzen hat. Ihre blaugrünen Augen sind einfach nur freundlich. Der Rest ihres Wesens übrigens  ebenso.

Sarah Wilkesmann ist soeben achtzehn Jahre jung geworden. Und sie wird an diesem Samstag Party machen. Aber erst führt sie uns in die Wohnung mitten in Barcelona. In einer engen Seitengasse - etwa in der Breite eines Kleinwagens - führt hinter einem imposanten Gitter die Treppe hinauf in die hohen Räume einer modern ausgestatteten Wohnung. Die kühle Luft lässt die Hitze, die Reise und die Geräusche der Stadt vergessen.

Sarah entpuppt sich als sympathische und kompetente Planerin. Laptop. Karte und Fahrpläne hat sie griffbereit. Und nutzt sie auch. Mit flinken Fingern switcht sie von Google zu Metrofahrplan und wieder zum Stadtplan. Auf einem winzig kleinen Post-It Block notiert sie Öffnungszeiten des Museums, Adresse des Restaurants oder den Tag für den Besuch der Sehenswürdigkeit. Und komplettiert mit Hinweisen, die nicht zwingend im Reiseführer stehen, sondern aus dem Kopf einer Insiderin in Barcelona stammen. Selbstsicher und ohne zu zögern macht sie Vorschläge, ruft Freunde für mehr Infos an, klebt, verwirft, fragt nach und setzt so in einer Stunde einen perfekten Plan zusammen. Einen Plan für Freunde des Hauses. Und ihrer Party. So jedenfalls kommt mir Sarah vor. Eine junge Dame, die ich bis dato nur vom «Hörensagen» und von Facebook her kannte.

Das Leben ist manchmal eine ganz schöne Wundertüte. Einmal voll wunderlicher und wunderbarer Überraschungen, dann wieder einfach nur eine Tüte, die man rauchen könnte. Sarah gehört zur ersteren Gattung an Lebensüberraschungen. Sie will ihren 18. Geburtstag feiern. Mit Familie, Freunden, Bekannten und einem Unbekannten. Mit mir. Dies ist auch für mich eine ganz neue und höchst erfreuliche Erfahrung. Ich kam als Fremder und ging als Freund.

Sarah Wilkesmann hat vor Monaten ein Exemplar der «morgensplitter» in die Hand bekommen. Sie hat sich daraus nicht nur einen ganz persönlichen Zu-, sondern auch einen Eingang verschafft. Die Eingangstüre zu ihrem Zimmer ist mit haftbaren «morgensplitter» dekoriert. Bewusst und scheinbar mit Spass an Worten und ihrer eigenen und deren Verspieltheit. Wie die Jugend eben sein darf. Und auch ist.

Nicht nur als Autor fühle ich mich durch Sarah und ihre feine Wertschätzung enorm geehrt. Diese junge Dame ist etwas ganz Besonderes. 

Dr Ranzenedi maint

Christian Wehrli03.06.2015
Bin ich nicht ein echter Glückspilz? Die Gunst der richtigen geographischen Geburt, sozusagen. Aber manchmal beschleicht mich dennoch ein Gefühl von schlechtem Gewissen. Oder wie sich dieses Gefühl so nennt. Denn wer kein gutes Gewissen hat, kann auch kein schleches haben. Es fehlt bei mir einfach. Ich bin ja schliesslich nur ein Metallklotz. Aber die Schlagzeilen gegenüber am Kiosk sprechen eine eigene Sprache. Und nicht unbedingt eine hoffungsvolle. Da ist von diesen Hunderten die Rede, die vor unserer Haustür grausam ertrinken, weil sie vor Krieg und Elend flüchten. Und diese Wortwahl über drohenden Krieg kommt mir auch sehr bekannt vor. Da war doch vor exakt 70 Jahren direkt über der nahen Grenze der zweite Weltkrieg zu Ende. Bereits der zweite? Ach stimmt es also doch: Wir lernen nichts aus der Geschichte? Die sogenannte Krone der Schöpfung ist ergo nicht sehr intelligent. Denn Intelligente machen zwar Fehler, viele sogar, aber selten zweimal dieselben. Denn das wäre ja schön blöd.

«Schau mal! Showtime.»

Christian Wehrli02.06.2015

Lustig? Nun, obwohl es für die Meisten ja als enorm wünschenswert gilt, das Leben eines Promis anzustreben – die Praxis zeigt da oft eine andere Seite der Berühmtheit. Vorbei mit dem eigenen ach so langweiligen, öden Leben. Jeder kleine Furz wird in den Medien noch mehr aufgeblasen und stinkt dann in Hochglanz und übermächtig von Titel- und anderen Seiten. Ein Leben für die Öffentlichkeit? Diese doch eher anonyme Masse wird aber die Herzlichkeit und die Nähe von Freunden und Familie kaum ersetzen. Ist ja auch nicht nötig, diese vertrauten Menschen gegen irgendeine Show – Medienspektakel genannt – einzutauschen. Nur, um als Promi zu gelten. Ein Status, der noch keine Leistung voraussetzt. Denn nur mit attraktivem Aussehen ist kein Blumentopf zu gewinnen.

Gut, den wollen diese Aufstreber ja auch nur, wenn Gold und Diamanten an den Ästen hängen würden. Aber zurück zur Show. Oder zum Schaulaufen. Echte Stars oder eben Persönlichkeiten tauchen eher selten an Galas und auf dem roten Teppich auf. Schliesslich soll die Leistung als Schauspieler, Musiker, Physiker, Unternehmer oder – soll es auch geben – als Politiker zählen. Aha. Da keimt etwas Hoffnung für uns Normalos auf. Wer im eigenen Umfeld sich echte Freunde und Familie leistet, da eine Persönlichkeit ist und nicht eine spielen muss, ist ein VIP. Eine «Voll Integre Persönlichkeit». Reicht das nicht eigentlich schon? Gibt es ein besseres Publikum mit Applaus, als das eigene Umfeld? Menschen, die man liebt? Und die ohne Wenn und Aber ein Blitzlichtgewitter das ganze Jahr hindurch in Form von Sympathie zurückwerfen?

Da pfeift man doch auf diese läppische Viertelstunde Berühmtheit. Ist sowieso nur Show.

Der Fingerzeig Spottes

Der Fingerzeig Spottes

Christian Wehrli21.05.2015

Zehn gibt es meistens davon. Gerechterweise auf zwei Hände verteilt. Die fünf Finger einer Hand haben unterschiedliche Bedeutungen. Nebst den mechanischen Fingerfertigkeiten hat der Finger auch Deutungen, die je nach Kultur und Sprache beim Gegenüber unterschiedlich ankommen. Wer schon einen Stinkefinger im falschen Stadtviertel nachts um zwei aufgehalten hat, weiss wovon die Rede ist. Noch wichtiger ist der längste aller Finger - der Zeigefinger. Und genau dieser Finger wird in der heutigen Zeit tagtäglich bedeutungsvoller. 

Wie sein Name schon sagt, ist er vorzeigbar. Und sein Lebensinhalt ist es, auf Dinge und Lebewesen zu zeigen. Entweder tut er dies bedrohlich: «Hey, Sie da!» oder noch schlimmer, wenn er auf eine Person oder eine Gruppe zeigt mit dem Hinweis: «Der war's!». Dabei ist es scheinbar egal, ob es sich um vermeintliche oder wirkliche, faktisch belegbare Taten handelt. Oder ob es nur ein herumgeisterndes Gerücht ist. Der Fingerzeig reicht schon, um einen Verdacht zu bestätigen. Und Spott auf Menschen zu richten.

Diese eher bösartigen Zeigefinger sind immer häufiger auf Titelblättern zu finden. Und nicht nur auf diejenigen der Yellowpress, also des Boulevardgeschreibsels. Dasselbe gilt für die Social Media Communities wie Facebook, das teilweise davon lebt, wenn sich Hunderte und Tausende Zeigefinger zum gemeinsamen Shitstormen zusammenfinden. Hey, was für eine coole Sache, jemanden so richtig fertig- und runterzumachen.

Wenn die Betroffenen am Boden liegen, wird aber kein Finger gerührt. Höchstens den, um dieses Mobbing mit der Handycamera zu filmen. Zeigefinger sind meist verwischend. Auf dem Display wie auch bei vermeintlichen Fakten.

Zeigefinger verbieten? Ja, klar. Dann wären dann die Ursachen mit Wurzel und Sehnen entfernt und das Problem gelöst. Ach? 

Dabei ist dieser an sich talentierte Finger doch so sehr geeignet, um damit nach wirklichen Fakten und durch hartnäckiges Fragen nachzubohren. Bohren kann er ja, auch wenn er manchmal nur in der Nase des Besitzers steckt.

Ein Zeigefinger im Quintett mit allen anderen Fingern ist perfekt geeignet, um zu streicheln, statt Ohrzufeigen. Vor allem hat die zärtliche Variante eine nachhaltigere und sympathischere Wirkung.

Ich wollte nur mal mit dem Finger auf dieses Thema zeigen. Aber ganz sanft. Der kann das nämlich.

Ausbrecher im Hinterhof!

Ausbrecher im Hinterhof!

Christian Wehrli16.05.2015

Endlich: es schrillt. Und wie. Da muss sich in den letzten beiden Stunden ein Drama ereignet haben. Sonst hätte es doch längst mit Schrillen aufgehört und die Herzfrequenz wäre auf Normalstatus runtergefahren. Langsam nähere ich mich dem Fensterspalt. Es könnte ja sein, dass die Gefahr noch immer lauert. Auf was, ist ja egal. Aber sie lauert. Entweder links, rechts, oberhalb oder unterhalb des Fensters. Ich stoppe sofort meinen Atem, um verdächtige Geräusche zu eruieren. Oder Schatten zu entdecken, die da nicht hingehören. Gut, ich kenne nicht jeden Schatten im Quartier. Aber einige, die einen haben. Dennoch: die Gefahr ist noch latent. Also ist Vorsicht und Umsicht geboten. Der Meistbietende bin ja eh ich.

Langsam und mit äusserster Anspannung umfasse ich den Fensterrahmen. Der Schweiss tropft mir in die Augen. Nicht gut! Die Muskeln spannen sich. Ich bin es ja schon. Einen Millimeter...zwei Millimeter... knarrrr! Ich zucke zusammen, wo immer es geht. Mist, ein Scheichtum für etwas Öl. Nochmals. Ich muss diesen Fall klären. Jetzt. Sofort!

Ein Ruck und das Fenster steht halb schräg offen. Ich blicke hinaus und starre erschreckt in zwei stechend-leuchtende Augen. Diese verengen sich sofort zu einem schmalen Schlitz. GEFAHR! Der Mund öffnet sich langsam und entblösst zwei scharfe Eckzähne.

Autsch! Vampire? Bei Sonnenschein? Der weit offene Schlund entlässt einen krächzenden Schrei! Markerschütternd. Aber Mark ist gar nicht hier.

Ich reisse mich zusammen und das Fenster auf. Zwei Arme mit zupackenden Händen dran schnellen und sehr schnell nach draussen und packen das Ungeheuer am Hals. Zupacken! Ja nicht loslassen. Ich reisse die Bestie durchs Fenster und lasse es langsam auf den Boden sinken.

«Eine falsche Bewegung und der letzte Atemzug ist getan, mein Freund!» denke ich insgeheim.

Der Puls senkt sich langsam in Normalstatus, das Herz beruhigt sich auch grösstenteils und ich sinke in die Knie. Nachdem ich das Fenster fest verschlossen habe.

Erleichterung spiegelt sich in meinem Gesicht. Erleichterung ist nämlich eitel. Deshalb zeigt sich auch eitel Freude.

Das Ungeheuer, die Bestie, das Urvieh ist... Mein Kater Johnny. Johnny Walker und nicht mehr Johnny Pilot. Das war früher, als er noch dachte, er habe ein Flugbrevet. Der alte Sack ist wieder aufs Dach gestiegen und hat sich dort einen späten Lenz machen wollen.

Wahrscheinlich, so stelle ich nach intensiver Befragung und Untersuchung des Tatorts fest, hat Frankie dem ollen fluguntauglichen Johnny geholfen, das Dachfenster aufzustemmen. Denn alleine geht das gar nicht. Vor allem, wenn man ein kleiner Kater ist. Oder einen hat. Also haben die beiden Racker meinen Joggingausflug genutzt, um sich selbst als Ausreisser zu bewähren.

So, die Luke ist dicht. Die Kater nicht. Das hätte ja wieder ein Drama der Sonderklasse bedeutet, wenn der Depp zum zweiten Mal fünf Stockwerke runter gesegelt wäre. Gerade jetzt, wo sich seine Sprunggelenke nach dem letzten Tiefflug wieder eingerenkt haben und verheilt sind.

Massnahme: Fenster- und Türsicherung nur noch mit Geheimcode, Bewegungsmelder, Kamera und Infrarotscheinwerfer. Nach innen. Nach aussen in etwa dieselbe Ausrüstung.

Mann, hab ich zwei Kater!

Ein ernster Schelm

Ein ernster Schelm

Christian Wehrli06.04.2015

Vor einigen Wochen im Kleinen Literaturhaus sassen ein quirrliger Buddy Elias zusammen mit seinem langjährigen Freund und Sparringpartner Otti Rehorek sowie dem Autor Peter Bollag des Buchs «Zwei Eisclowns erobern die Welt», um Anekdoten zum Besten zu geben. Die beiden ehemaligen Eisclowns haben erzählt, sich amüsiert und über die vergangenen Abenteuer gelacht. Nur, der Autor Peter Bollag hat einige dieser Anekdoten scheinbar noch nie vorher gehört. Denn die zwei älteren Herren haben zuviel Schalk im Nacken, als die meisten heutigen Comedians je zustande bringen werden. Und die passen kaum alle zwischen zwei Buchdeckel. Jetzt ist Buddy Elias tot. Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist er von der Bühne der Welt abgetreten. Wohl auch da mit einem schalkhaften Blitzen in seinen leuchtenden Augen.

Ying. Yang. Buddy.

Freud trifft Leid. Glück wechselt mit Pech. Ein packendes Leben besteht meist aus Gegensätzen, Dramen und Glück. Es ist nicht verwunderlich, dass Buddy Elias in Basel dem Anne-Frank-Fonds als Präsident Zeit seines Lebens zur Verfügung stand. Die Leiden der Nazizeit und die Verfolgung der Juden sind unter anderem das Fundament, auf dem der jüdische Witz wächst. Buddy Elias liebte und lebte den querdenkenden, hintergründigen und tiefsinnigen jüdischen Witz. Es mag wohl sein, dass daher seine schelmischen Charakter- und Gesichtszüge stammen.

Wertschätzung, ein Lebensmotto

Zum 80. Geburtstag von Anne Franks Tagebuch hat das Neubadmagazin einen Artikel darüber veröffentlicht. Buddy Elias hat es sich nicht nehmen lassen, anschliessend eine sehr persönliche und wertschätzende Dankeskarte an die Redaktion zu senden. Menschen wie er werden vor allem in der jetzigen Zeit sehr vermisst. Den Spagat zwischen Tragödie und Clownerie hat Buddy Elias stets elegant geschafft. Kein Wunder, als weitgereister, jüdischer Eisclown und Lebenskünstler. Und als grossartiger Schauspieler. In vielen TV Produktionen in Deutschland und in der Schweiz hat er mitgespielt. Aber seine Zeit als Eisclown mit Otti Rehorek hat ihn und seinen Sinn für das Publikum geprägt. In manchen Fauteuil-Produktionen hat er das Publikum mit seiner enormen Bühnenpräsenz mitgerissen. Sein gelebter, feiner und würziger Sinn für Humor hat immer wieder begeistert. Lebenslust stand stets in seinem Gesicht. So jedenfalls der Eindruck, den er mir immer vermittelt hat. 

Unser geplantes Gespräch hat nicht sollen sein, lieber Buddy Elias. Aber vielleicht holen wir dies irgendwann und irgendwo mal nach. Wer weiss?

42195 Meter Gedanken

42195 Meter Gedanken

Christian Wehrli06.04.2015

schreiben hat vieles gemeinsam. Sagt Matthias Politycki. Denn beides ist eine enorme Herausforderung mit grossartigem Start, auftauchenden Zweifeln und Schwächen, um dann schlussendlich dennoch das Ziel zu erreichen. Medaille umgelegt. Roman verlegt.

Ein Buch mit 42 Kapitel?

Der Buchautor Matthias Politycki schreibt seit 40 Jahren. Er läuft auch seit 40 Jahren. Damals war der Laufsport vieles, aber keineswegs ein Breitensport. Höchstens die private Leidenschaft einsamer Läuferinnen und Läufer. Stets musste Matthias Politycki erklären, warum er laufe. Ob dies denn überhaupt gesund sei, was es ihm bringe und ob dieses Laufen draussen nicht furchtbar langweilig sei. Nun, der Laufsport ist inzwischen eine Industrie geworden, die den Globus umspannt. Von Nichtläufern werden aber immer noch dieselben Fragen wie vor vierzig Jahren gestellt. Beim Training zum London Marathon entstand die Idee zu diesem Buch. Ein Fragebuch, kein Lauflehrbuch sollte es sein. Welche Fragen stellen sich die Läufer selbst? Wenigstens die Mitstreiter seiner Laufgruppe, mit denen Matthias Politycki seit Jahren alle Höhen und Tiefen des Sportlerdaseins durchläuft. Oder durchlebt. Läufer unter sich diskutieren, ratschlagen oder klugscheissern über Trainings- und Ernährungspläne, die richtigen Laufschuhe, etwaige Schmerzmittel und andere technische Dinge. Es gibt da aber noch eine philosophische oder psychische Seite des Laufens. Was geht einem Läufer auf einer Marathonstrecke so alles durch den Kopf? Das war die Anfangsfrage für das vorliegende Buch. Deshalb hat es logischerweise auch 42 Kapitel. Aber dennoch nur 315 Seiten mit einer unterhaltenden, vergnüglichen, provozierenden und philosophischen Reise über 42,195 Kilometer im Kopf.

Kilometerkapitel

Ein paar Ausschnitte aus diesen 42 Kapiteln vorzustellen ist gar nicht so leicht. Gut, das ist – je nach Verfassung – das Laufen auch nicht immer. Aber stets zwinkert in den Texten von Matthias Politycki einige Vergleich des Laufens mit dem Schreiben durch. So heisst es beispielsweise im Kapitel - nein bei KM 4: «Rennnen lesen». Ein Schriftsteller wird einen Roman nicht anpacken, ohne sich vorher Gedanken und Notizen über Tücken, Hindernisse und Besonderheiten der Geschichte zu machen. Marathonis lieben das Laufen, aber keine Überraschungen. Damit alles nach Plan läuft, muss mit Meister Zufall an der Strecke gerechnet werden. Antworten müssen vor der gestellten Frage da sein. Bei KM 8: «Absurdes Theater». Auch vor Marathonläufen schrecken Kostümierte nicht zurück. «Wo Clowns an den Start gehen, sollte man sich mit Frohsinn wappnen.» oder «Beim New-York-Marathon geriet ich gleich zu Anfang hinter einen Kerl, der fast nackt lief und ein riesiges Holzkreuz geschultert hatte. Für diesen Anblick hatte ich entschieden zu wenig trainiert.» zeigt deutlich, was Matthias Politycki von solchen Mätzchen hält. KM 20: «Laufen mit den Massai» wird‘s poetisch:
«Laufen, laufen, nichts als laufen
durch den Park, durch die Alleen –
laufen, laufen, laufen, laufen
wie ein Tier und … nie mehr stehn!

«42,195» ist kein Lernbuch, aber ein Lehrbuch über ein entspanntes Verhältnis zum Laufsport. Vor allem gestandene, aber auch brandneue Marathonläufer werden nach dieser unterhaltenden und spannenden Lektüre einen etwas anderen Blick auf diese 42195 Meter werfen. Matthias Politycki wird am 20. April 2015 bei Bider und Tanner aus seinem Buch lesen. Ich habe die Ehre, mit ihm ein Gespräch zu führen. Ganz locker – so von Marathonläufer zu Marathonläufer.

Schupfstock-Festival

Schupfstock-Festival

Christian Wehrli06.04.2015

Vier von fünf Einwohnern ist in einem Verein. Mindestens. Einer der ersten Vereine in Schupfart war der Velo-Club Thierstein, gegründet 1917. Der eigentliche Gründerclub für viele enorm bemerkenswerte Aktivitäten eines Dorfs mit etwa 500 Einwohnern. Schupfart macht von sich reden. Immer wieder auf‘s Neue.

Sie kommen. Immer wieder.

Jedes Jahr im September lädt das beschauliche Dorf zwischen Mumpf und Wegenstetten zu Rock, Country und Schlager ein. Und die Menschen kommen. An jedem Abend völlig unterschiedliche Zuschauer. Vor 32 Jahren hat ein bunter Schlagerabend die Sache ins Rollen gebracht. Am 26. bis 28. September 2015 heisst es wieder willkommen zur 26. Pop-Rock-Night am Freitag, zum 30. Country-Festival am Samstag und zur 32. Schlager-Party am Sonntag. In dieser langen Zeit haben sich viele Rock-, Schlager- und Countrygrössen in Schupfart die Klinke in die Hand gegeben. Gotthard, Truck Stop und viele andere Bands und Künstler sind über die Jahre immer wieder am Schupfarter Festival aufgetreten. Die Stimmung muss denn auch fantastisch sein, wenn das riesige Zelt für Tausende begeisterter Rock-, Country oder Schlagerfans rockt, rappt, groovt und schlagert.

Ein Dorf. Viel Action.

An sich war in Schupfart schon immer was los. Und dies hat gar nicht so viel mit dem Flugplatz zu tun. Nein, der Velo-Moto-Club Thierstein hat mit seinen Mitgliedern – also praktisch mit dem ganzen Dorf – immer wieder für Attraktionen gesorgt. 15 Jahre von 1967 bis 1981 versanken durchtrainierte Töfffahrer im Schlamm und Geröll, wenn sie als Motocross Rennfahrer über Hügel und Wiesen bretterten. Trotz angeborener Skepsis der Schupfarter Einwohner, haben sich diese vom Motocross-Fieber anstecken lassen. Als echte Gemeinschaft hat praktisch das ganze Dorf beim Aufbau und beim Organisieren dieser fünfzehn Motocross-Rennen mitgeholfen. Ein echter Gemeinschaftssinn steckt in dem kleinen Dorf. Und eben dieses Motocross-Rennen hat den berühmten Hazy Osterwald und seine Mannen ins Dorf zu einem Auftritt locken können. Ein ländlicher Kriminaltango. Das riesige Gelände für das Rennen musste mit 1800 Pfählen und 8500 Meter Seil eingezäunt werden. Parkplätze bereitstellen und ein Festzelt aufbauen - unmöglich, aber machbar. Bis zu 18 000 Menschen tauchten in dem 500-Seelen-Dorf auf. Eine logistische Meisterleistung haben die Organisatoren geleistet.

Der Trick mit dem Strick

Den Deal mit Hazy Osterwald hat Hanspeter Müller 1964 eingefädelt. Da war er gerade Mal 21-jährig und zum OK Präsidenten gewählt worden. Sein Vorgänger und Vorbild in Sachen Festorganisation Ernst Amsler war der ein Jahr vorher unerwartet verstorben. Hanspeter Müller wollte Schupfart als Festort ausbauen und damit die Arbeit seines bewunderten Vorgängers fortsetzen. Und wie er das gemacht hat, zeigt die lange Erfolgsgeschichte des Schupfartfestival überdeutlich. Weshalb die Organisation in über 33 Jahren so gut geklappt hat, war der vorherrschende Dorfgeist. Das Motto hiess immer, es ziehen alle an einem Strick. Möglichst in dieselbe Richtung. Team- und Dorfgeist können wunderbar zusammen, wenn es denn drauf ankommt.

Drei Tage Happening

Das Konzept des Schupfart Festival ist so einfach wie bestechend. Drei Abende im September mit komplett unterschiedlichem Musik-
angebot zieht auch dreimal unterschiedliches Publikum ins dörfliche Festivalzelt. Seit über 30 Jahren spielen Rock- und Popgrössen am Freitagabend. Der Samstag ist für die Countryfreunde vorgesehen. Früher kamen die Zuschauer mehrheitlich im Cowboy-Outfit an die Konzerte. Der Sonntag wird von der Schlagerszene als Party verstanden.

Ein Dorf. Ein OK. Ein Erfolg.

Nochmals zur Erinnerung. Schupfart ist ein 500 Seelen-Dorf oben auf dem Hügel zwischen Möhlin und Wegenstetten. Es gibt ein paar Häuser und einen Flugplatz für Kleinflugzeuge. Sonst nix. Aber Schupfart ist bekannt als das Dorf, das wirklich rockt. Nicht nur am Freitagabend. Denn da hilft ein ganzes Dorf, vom Kind bis zu den Grosseltern, mit dem Velo-Moto-Club Thierstein wirklich Grosses auf die Beine und auf die Bühne zu stellen.
Dies liest sich eher wie ein Märchen. Wenn es nicht seit bald einhundert Jahren Realität wäre. Wo? In Schupfart. Respekt!

55-60-40

55-60-40

Christian Wehrli06.04.2015

Um gleich ein Missverständnis auszuräumen: Die Zahlenkombination 55-60-40 ist weder der Pin-Code meiner Bankkarte noch meine Körpermasse. Es ist viel simpler. Mein Geburtsjahr, mein Alter und mein Jubiläum als selbständiger Unternehmer. Und diese Kombination sollte gefeiert werden. Wurde sie auch.

Freunde, eine schöne Gäste

Bereits die Frage der Gästeliste hätte mir Kopfschmerzen bereiten können. Tat sie aber nicht. Denn die Devise für die Auswahl der Einzuladenden lautete einfach: Mit wem habe ich irgendwann eine positive und eindrückliche Geschichte erlebt? Mit dieser Vorgabe ist die Liste schnell zusammengestellt. Und die Einladungen noch schneller verschickt. Am 14. März um sechs Uhr nachmittags sollen eben diese Menschen im Waisenhaus eintreffen. Und das tun sie auch. In Scharen. Aus allen möglichen Gegenden der Schweiz. Sechzig Lebensjahre und vierzig Unternehmerjahre sind schon eine lange Zeit, um Menschen zu treffen. Und Freundschaften zu schliessen. Vor allem dann, wenn das Leben so manche gute Überraschung bereithält. Die Gäste überraschen an diesem Abend auch mich. Der Kartäusersaal im Waisenhaus ist vor allem eines: bezaubernd. Die kleine Bühne mit dem tiefroten Vorhang hat dennoch Platz für etwas Theater. Und genauso kommt es denn auch. Ganz klar stehen die Gäste – meine Freunde – im Mittelpunkt. Das heisst, einige sitzen auch. In meiner langen, sehr langen Rede ist eben von den Menschen die Rede, die eine grössere oder kleinere positive Rolle in meinem Leben gespielt haben. Und noch immer spielen. Wobei, die Rolle ist echt. Nicht gespielt. Aber die Rede lang. Doch, das muss einfach sein. Diese sehr bunt gemischte Gesellschaft an Menschen ist meine Retrospektive. Da kommen schon einige ausserordentliche Charaktere zusammen.

Bühne frei!

Die grossen Überraschungen beginnen, als die Bühne – na endlich –  von mir befreit ist. Evelyne Péquignot mit ihrem fantastischen Trio «little chevy» haben das richtige Händchen und vor allem das musikalische Gespür, um mit ihrem soul- und bluesigen Sound die Ohren und Heren der Gäste zu erobern. Meine frühere Aufforderung, die Bühne zu entern, sobald diese frei sei, kommt bei einigen Gästen gut an. Da wurde im Vorfeld scheinbar geprobt, geübt, gedichtet, gesungen und mir gegenüber kein Ton verraten – Überraschungen mögen nämlich keine Vorankündigungen. Ich liebe Überraschungen. Ähnliche Gedanken scheinen sich meine Freunde gemacht zu haben, als sie ihre Showeinlagen vorbereitet haben.

Nadia und Viktor führen mich witzig und innerschweizerisch in einem Sketch vor, wie man ältere Männer wirklich beschenken soll. Schliesslich habe ich grossmaulig verlauten lassen, ich wolle nichts Materielles geschenkt bekommen. Mein einziger Wunsch: ein Stück Strecke am diesjährigen New York City Marathon als Geschenk zu bekommen. Und alle haben sich diszipliniert und routiniert dran gehalten.

Colette Greder füllt mit ihrer grazilen Gestalt und ihrem exzellenten Akkordeonisten Andrei gleich die ganze Bühe. Mit Charme und Esprit sowie einer handverlesenen Auswahl an Chansons bezaubert Colette. Wie immer. Aber dieses eine Mal singt sie speziell für mich! Und schon drücken ein paar Tränen an meine Augenlider. Bin ich also doch musikalisch? Es scheint fast so. La vie est belle!

Yvette Kolb ist gewalttätig. Sprachgewalttätig. Vor allem kann ich mir keinen Reim darauf machen. Das kann Yvette sowieso viel besser. Eine Lobrede der typisch witzig-treffenden Art, mit spitzer Feder geschrieben und mit Anmut vorgetragen. Einmal Ballett, immer Ballett.

Erika Würz, ehemalige Präsidentin des Allschwiler Kunstvereins, erklettert die kleine Bühne und rezitiert ihr Gedicht für den Marathonläufer Wehrli. Gepaart mit einer Dosis… ähem Dose Schutzengeli. Madame hat es eben noch immer mit der Lyrik. Und wie.

Die Bühne ist leer. Für einen Moment. Ganz leise trällert Frank Sinatra im Hintergrund «New York, New York» als eine Horde Marathonläufer den Saal erobert. Siegertypen in knalligen Läufershirts und -shorts, mit Transparenten und Kraftriegel bewaffnet sind bald als meine «Saiffibleeterli» entlarvt. Auch ohne «Yyschtoh» klappt‘s sofort mit den Tambouren und Pfeiffern. Diese Chaotengruppe ist unglaublich, aber laut und hörbar. Liebenswert eben.

Miriam Schaffner hat Schatten und Theater. Und drei liebenswerte Geschichten, die sie mit ihren Schattenbildern in schwarz und weiss erzählt.

Gestern noch in New York, heute auf der Kartäuserbühne erklären fascinating Lisa und ihre awesome Tochter Tiffany im astreinen Amerikanisch und mit viel Ironie, warum sie diesen Sechzigjährigen so mögen. Und weshalb er stets ein Teil der Familie ist. Und die Tränen drücken mich schon wieder.

Neben der Bühne, aber in ihren Schuhen beendet Rinalda Caduff den Showblock herzzerreissend mit viel Akkordeon-Klaviatur, kräftiger Stimme und «Je ne regrette rien.» Ein Text, der mir und zu mir passt. Schon seit langem.

Trio hinter 55-60-40

So ein Abend ist schnell vorbei. Die Gläser sind leer. Der Kopf voll. Und ein paar Köpfe sehr müde, aber glücklich. Konzept und Layout zu meinem grossen Tag hat die unvergleichliche Maria Müller gestaltet. Die Frau mit dem stets roten Faden und dem gleichfarbigen Band.

Adele Hermann und David Rossé haben sich gefunden. Als Catering-Dream-Team. Planen, Einkaufen, Vorbereiten, Dekorieren, Schleppen, Organisieren, Feilschen, Kämpfen und schlussendlich die Gäste verwöhnen. So war der Plan. Und er hat funktioniert. Ein Hoch auf diese drei und ihre Helferinnen und Helfer!
Das Leben ist bunt. Die Freunde auch. Danke!

Kunst: Genügend!

Kunst: Genügend!

Christian Wehrli06.04.2015

Genügend Kultur-Stadt Basel?

Wenn es um bildende Kunst geht, gehört Basel mit der «Art Basel» und den Museen sowie unzähligen Galerien zu den führenden Städten in der Welt. Ein Verdienst, der vor allem auf die Mäzene dieser Stadt zurückfällt. Aktuell wird das Basler Kunstmuseum um einen imposanten neuen Bau an der Ecke St. Alban-Vorstadt erweitert. Dieses Projekt ist nur realisierbar, weil Dr. h.c. Maja Oeri 50 Millionen Franken beigesteuert hat. Sie hat auch Schenkungen im zweistelligen Millionen ermöglicht, um eines der vier Bilder einer Werkgruppe von Gerhard Richter zu erwerben   und damit die Attraktion des Basler Kunstmuseums zu steigern. Es ist erstaunlich, was echte Leidenschaft bewirken kann. In der Welt der bildenden Kunst führt heute kaum ein Weg an Maja Oeri vorbei. Aber als echte Mäzenin hält sie sich im Hintergrund und ihr scheint zu genügen, dass ihre Leidenschaft für Kunst auch teilweise von der Bevölkerung geteilt wird. Im Kunstmuseum, im Neubau und im Schaulager zum Beispiel. Die Hoffnung bleibt, dass die Öffentlichkeit dieses enorme Engagement für Künstler und ihre Werke würdigen und schätzen wird.

«Nach allen Regeln der Kunst»

Dieses Bonmot setzt voraus, dass Kunst «geregelt» ist. Ist sie aber nicht. Sonst wäre sie ja nicht frei. Auch hitzige Diskussionen, wann denn ein Objekt als Kunst gilt, sind seit Generationen immer wieder an der Tagesordnung. Die Aufgabe der Kunst und der Künstler ist es ja nicht, Regeln einzuhalten, sondern diese zu brechen. Sofern sie vorhanden sind. Kunst soll Gefühle, Gedanken und Kritik hervorrufen. Ergo sollen beim Betrachter Emotionen ausgelöst werden. Kunst ist an sich ein dehnbarer und weitläufiger Begriff. Von Kunsthandwerk und Kunstdünger soll hier nicht die Rede sein. Sondern von der kreativen Seite des Künstlers betrachtet werden. Dieser nutzt die unterschiedlichsten Möglichkeiten, um sich und seine Gedanken auszudrücken. In welcher Form auch immer. Künstler wollen erschaffen und schöpferisch ihre Sichtweise darstellen. In erster Linie dient die Kunst dem Künstler selbst.
Kunst und Geschichten
Der Höhlenmaler hat sich damals vor 34 000 Jahren wahrscheinlich weniger als Künstler, denn als Geschichtenerzähler gesehen. Dennoch werden die Höhlenmalereien als Parietalkunst bezeichnet, also die «zur Wand gehörende Kunst». In der Steinzeit haben unserer Vorfahren die Höhlen bemalt, um Geschichten und Erfahrungen für die nächsten Generationen zu erhalten. Vermutlich. Später haben die Religionen die Malerei als Transportmittel ihrer heiligen Geschichten genutzt. Alte Meister wie Dürer, Rembrandt, Da Vinci und viele mehr befreiten die Bilder von diesem Anspruch und führten sie über die Romantik und Impressonismus in die Moderne. Auch zeitgenössische Kunst genannt. Ob es jemals verkannte Genies gab, ist nicht übermittelt. Aber es gab verkannte Künstler wie Vincent van Gogh und andere, deren Werke von der Gesellschaft zu deren Lebzeiten weder erkannt noch gewürdigt wurden. Was nun aber wirklich als Kunst gelten kann oder darf, da scheiden sich noch immer die Geister. Und werden es auch in Zukunft tun. Die Aussage «Kunst kommt von Können» mag grösstenteils stimmen. Die Bandbreite künstlerischer Werke ist jedoch enorm gross. Welche nun gelobt und teuer verkauft werden, hängt vom Betrachter und von der Brieftasche des Käufers ab.

«Bitte berühren!»

Künstler haben den Anspruch, dass ihre Werke mindestens sie selbst berühren. Im besten Falle aber auch die Herzen und Gefühle der Betrachter. Die älteste bekannte Sammlung an Höhlenmalereien liegt in Ardèche im südöstlichen Frankreich, deren Malereien bis zu 34 000 Jahre alt sind. Die Höhle wurde erst 1994 entdeckt und ist für die Öffentlichkeit gesperrt. Nur einige wenige Wissenschaftler dürfen die 447 Tiermalereien an den Wänden und 83 auf dem Boden liegenden Bärenschädel untersuchen. Aber: es darf absolut nichts berührt und kaum geatmet werden! Zu fragil ist der Zustand dieser enorm alten Sammlung künstlerischen Schaffens. Die abgebildeten Tiere an den Höhlenwänden sind nicht nur symbolisch dargestellt, sondern sie scheinen zu leben, zu atmen und Gefühle zu zeigen. So drückt es die Kunsthistorikerin Valerie Feruglio aus. Die Bilder sind auch enorm fortschrittlich, da Komposition, Perspektive, Schattierung und Kenntnisse über Anatomie bereits in diesen Zeichnungen vorhanden sind. Ob es sich bei diesen Höhlenbewohnern um echte Künstler handelt, die bewusst Kunstwerke schaffen wollten, versuchen Wissenschaftler nun herauszufinden. Erstaunliche Erkenntnisse aus dem Labor zeigen, dass die damaligen Künstler wussten, was sie tun. Die Höhlenwand wurde zuerst gereinigt, bevor das Gemälde geschaffen wurde. Zudem wurden ausser kaum Korrekturen an den Zeichnungen gefunden, was darauf schliessen lässt, dass die Künstler geplant vorgegangen sind. 

Mensch und Kunst – Eine Geschichte

Der Homo Sapiens griff nach einem Stück Kohle und malte eine Gazelle auf die Felswand. Vor 40 000 Jahren. Vor ihm hat das wahrscheinlich noch kein Lebenwesen getan, seine inneren Bilder, seine Fantasie in eine bleibende Form zu bringen. Wann das allererste bewusst geschaffene Bild entstanden ist, weiss niemand. Aber es scheint, als sei der Mensch stets erpicht darauf, seine Vorstellungen in Form von Kunstobjekten der Nachwelt zu erhalten. Oder einfacher gesagt, viele Menschen wollen ihre kurze Existenz nutzen, um Spuren zu hinterlassen, die Jahrhunderte überdauern. Anstatt lediglich ein Geschöpf zu sein, wollte der Mensch selbst Schöpfer werden. Die Wirklichkeit darstellen, aber auch Wissen schaffen. Neues entdecken und Perspektiven verändern. Kunst ist zwar von «Können» abgeleitet, aber vor dem Können wird Wissen verlangt. Vielleicht sieht der Künstler mit seinen Augen mehr, als der Durchschnitt der Menschheit, weil er näher, genauer, wissensdurstiger auf die Dinge zugeht. Oder einfach nur mit einer extrem kindlichen Neugier ausgestattet ist.

Dr Ranzen Edi maint:

Christian Wehrli06.04.2015

Die Welt scheint ihre Fugen nicht mehr so gut im Griff zu haben, wenn sie derart aus denselbigen gerät. Weltpolitik hat einen enormen Wiederholungseffekt. Einige Überschriften habe ich doch vor dreissig oder vierzig Jahren so oder ähnlich schon gesehen. Aus Fehlern lernen? Wie das denn? 

Aber ich alter Lebemann sehe auch erfreuliche Dinge. Und Menschen. Die frühlingshafte Stimmung wirkt sich auf deren Gemütslage aus, wie mancher Gesichtsausdruck strahlend verheisst. Es wird eindeutig mehr gelächelt. Gut, die einen oder anderer Damen – junge oder ältere – haben diesen abweisenden aber vielsagenden Blick drauf: «Sprich mich ja nicht an, wenn dir dein Leben lieb ist!» Meistens ist da noch eine unsichtbare Aura bei diesen Diven, die automatisch Abstand zu den Umstehenden schafft. «Distinguée» ist der zweite Vorname dieser Damen mit etwas Pelzbesatz am Kragen und auf den Zähnen. Aber diese extravaganten und arroganten Exemplare sind eher rar geworden. Aber nicht zwingend schützenswerter.

Karin Müller – Die Verlockung.

Karin Müller – Die Verlockung.

Christian Wehrli06.04.2015

Die Schuhe von Willy Surbeck sind nach fast zwanzig Jahren Telebasel sehr gross, die es nach seinem abrupten Abgang zu füllen galt. Die Stiftung Telebasel hat nach geeigneten Kandidaten gesucht. Lange gesucht. Und ist im November 2014 auch fündig geworden. Karin Müller heisst «Die Neue».

Kommunikation beider Basel

Es schadet in keiner Weise, dass Karin Müller aus dem Baselbiet stammt. Im Gegenteil. Schliesslich sieht sich Telebasel als der lokale TV-Sender für die Region Basel. Am 1. November hat Karin Müller ihren ersten Arbeitstag an der Steinenschanze angetreten. Mit vielen Plänen im Rucksack. Denn eines der Kriterien der Findungskommission des Stiftungsrats Telebasel war, dass sich vieles ändert, der Sender sich aber dennoch treu bleibt. Karin ist sehr breit gefächert und kann mit einem grossen Leistungsausweis aufwarten. Begonnen hat Karin Müller 1988 in der Moderationsabteilung von «Radio Basilisk». DRS1 und 3 waren die nächsten Stationen der Radiofrau. «Radio 24» war kein «Ausrutscher», sondern eine augenzwinkernde Entscheidung der Baselbieterin. Genauso wie «3sat TV» und «Radio Pilatus» in Luzern. In ihrem letzten Engagement hat sie in Dresden bei «BCS Sachsen» als Programmdirektorin von Hitradio RTL gewirkt. Die Erfahrung aus 25 Jahren als Medienfrau will sie nun bei Telebasel investieren. Und den Sender einem «Relaunch» unterziehen.

Radio + TV + Internet = Medien

Als gediente Radiofrau ist sie bei Telebasel nicht die Einzige. Dani von Wattenwyl und Adrian Plachesi verfügen ebenfalls über Radioerfahrungen. An sich eine gute Voraussetzung, denn beim Radio müssen Geschichten sprachlich so getextet werden, dass die Zuhörer diese als spannend empfinden. Und genau dieses Geschichtenerzählen hat Karin Müller schon immer gereizt. Der Unterschied von Radio zum Fernsehen ist, dass beim bewegten Bild die Zuschauer nur etwa 8% Aufmerksamkeit dem Wort widmen. Der Rest der Aufmerksamkeit gehört den gezeigten Bildern. Karin Müller ist sich auch bewusst, dass sich die Sehgewohnheiten der Zuschauerinnen und Zuschauer in den letzten Jahren verändert haben. Und noch mehr verändern werden. Die Verschmelzung von traditionellen Medien mit dem Internet ist eine grosse Herausforderung, der sie sich stellen will. Bisher ist der Webauftritt von Telebasel eher eine Plakatwand für Ankündigung der nächsten Sendungen. Und einem angegliederten Videoarchiv gesendeter Beiträge. Karin Müller soll und will Telebasel auch für einen Multichannel-Ansatz umgestalten. Bereits ist ein Team um Linus Pauls daran, die Inhalte von Telebasel auf eine breitere Basis zu stellen. Das soll heissen, dass die Socialmedia-Präsenz und der eigene Webauftritt mit mehr aktuellen Beiträgen bestückt werden. Bisher wurden diese Felder eher gelegentlich bearbeitet.

Sendungsbewusstsein

Regelmässige Zuschauer von Telebasel haben bereits einige Veränderungen bei Sendungen bemerkt. So wurde die Nachrichtensendung «7vor7» teilweise neu gestaltet. Am Ende der Sendung werden die Highlights nochmals im Überblick kommentiert. Eine der grössten Herausforderungen der neuen Chefredaktorin wird das Thema Zuschauer sein. Für wen wird gesendet? Welche Themen werden erwartet? Wie wird sich die Marke Telebasel entwickeln? Karin Müller macht einen quirrligen Eindruck und ist voller Tatendrang. Sie hat sich bisher auch wenig beirren lassen, was ihre Arbeit anbelangt. Selbstredend wird es für sie nicht leicht sein, bei einem eingeschworenen Team wie Telebasel sofort Fuss fassen zu können. Aber mit ihrer grossem Erfahrungsschatz und vor allem mit Freude und Leidenschaft im Gepäck, wird sich der Teamgeist bestimmt neu justieren lassen. Dominik Prétôt hat erwähnt, dass Karin Müller in ihrer Vorstellungsrunde kostengünstige und ideenreiche Vorschläge für einen Relaunch von Telebasel vorgestellt hat. Obwohl Veränderungen das Leben an sich faszinierend gestalten, wird es interessant sein, diese Ideen realisiert zu sehen und die Reaktion der Zuschauer auszuwerten. Telebasel wird sich als medialer Machtfaktor trotzdem den Gegebenheiten anpassen müssen. Hauptsache, die redaktionelle Unabhängigkeit bleibt gewahrt.

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minus 20

Am 1. November 2015 laufe ich den New York City Marathon. Zum zweiten Mal. Aber ich werde 20 Kilos weniger an den Start bringen, als heute. Ohne Diät, aber mit Grips. Und Juliette Stauber, meinem Schlank-Modeling-Coach.

  • 14.10.2015  Tag 173: Wer sucht, der zuckert.

    Tag 173: Wer sucht, der zuckert.

    Diese Industriebosse in der Lebensmittelbranche haben's wirklich drauf. Da wird gezuckert und gefettet, dass es eine wahre Freude ist. Für die Suchtregionen des Gehirns zum Beispiel. Nicht nur gewürfelt oder gestreut, sondern meist eher versteckt wird mit dem weissen Stoff gedealt und alles mit Zucker versetzt, was nicht bis drei auf den Diabetesbäumen ist.

  • 13.10.2015  Tag 172: Müeslirama

    Tag 172: Müeslirama

    Rituale geben einen Anstrich von Heimat und Sicherheit. Bereits beim Aufstehen aus dem warmen Bett funktioniert der Automatismus des Rituals perfekt. Schlaftrunken in die Küche tappen, Druck auf den roten Knopf der Kaffeemaschine, Tasse darunter stellen und sich der aufsteigenden gerösteten Versuchung hingeben. So beginnt ein perfekter Tag.