Re Flex

06. Feb 2026,

Re Flex
Re Flex

Flexibel zu bleiben, wenn der Rest des Inhalts altert, ist die Herausforderung. Wer ab fünfzig die Knochen knacken hört und beim Aufstehen kurz stöhnt, der kennt den Wert von Flex. Doch ein Flex gibt sich nie mit einer einzigen Aktion zufrieden. Flex ist so flexibel, dass er sich immer – und meist vollautomatisch – einschaltet. Flex im Reflex, sozusagen.

Die meisten Reflexe arbeiten im Unter- oder Hintergrund. Sie machen kein grosses Aufheben um ihre Wichtigkeit. 
Ein Säugling wird sich kaum beklagen, dass der Saugreflex sich einschaltet, wenn der Hunger präsent ist und die Mutterbrust in Saugnähe.
Wer zuerst blinzelt, verliert“ ist zwar ein lustiges Spiel, entspricht aber nicht der wirklichen Bedeutung des Blinzelns. 
Die Augen sind vielleicht das Fenster zur Seele – doch vor allem eine extrem wichtige und inspirierende Funktion, 
die Um- und Mitwelt betrachten zu können. Ein Paar, das es wert ist, besonders geschützt zu werden. 
Die Evolution hat sich etwas dabei gedacht, eben diese Augen mit Deckeln zu versehen. 
Diese Lider sind blitzschnell zur Stelle, um die Augen vor schädlichen Angriffen zu schützen. Staubkörner, grelles Sonnenlicht und Tränengas haben wenig bis gar keine Chance, das Eingedeckelte zu erreichen.

Schreck lass nach!“ ist zwar ein frommer Wunsch – doch den Schreckreflex kümmert das nicht. Der Schreck taucht immer dann auf, wenn die gewohnte Unterstützung oder Erwartung plötzlich wegfällt oder wegdriftet. Dann reagiert der Schreck reflex– und meist artig.

Soweit so automatisiert – eine tolle evolutionäre Sache. 
Doch andere faszinierende Reflexe sind erlernte Reaktionen, in denen der Reflex erst durch Erfahrung entsteht. 
Man denke nur an die Versuche, die jener Herr Pavlov mit seinen Hunden unternommen hat. Die Hunde wussten, wann die Glocke geläutet hatte – und warum.

Inspirierend sind die humanitären Reflexe, die gerne hoch im Kurs stehen. Wer seine Haltung gegenüber der Mitwelt auf Menschlichkeit trainiert hat, wird reflexartig sein ethisches Verhalten pflegen – und damit Harmonie fördern. Solche Reflexe waren in der Evolution nicht als Standardausrüstung vorgesehen. Da braucht es Fantasie und Kreativität, um diese Luxusvarianten in sein persönliches Reflex-Portfolio aufzunehmen.

Klar spielt Erziehung und Lernen eine wichtige Rolle, um die entsprechende Inspiration auf den Tisch zu bringen. 
Empathie, Respekt und Unterstützung gelten als Sonderausstattung im Reflex-Portfolio – und sollten doch eher zum Standard gehören.

Dem Gegenüber zuzuhören, ohne sofort zu unterbrechen, abverlangt dem Reflex einiges an Disziplin. Vor allem in Diskussionen ist die eigene Meinung oft schnell und überrumpelnd am Werk. Schade – denn wer mehr von sich gibt, als dass er neue Informationen empfängt, wird kaum Neues lernen. Die eigene Meinung ist dem Sender ja hinlänglich bekannt. Wenn dann noch Gefühle ins Spiel kommen, wird es erst richtig spannend. Denn wenn sich Emotionen langsam, aber schleichend erschliessen, öffnen sich Türen – und manchmal auch Fenster –, die bislang unbekannt waren. Zu verstehen? Welch ein emotionaler Reflex.

Dieser führt direkt zum nächsten Kandidaten: die aktive Unterstützung, sobald eine Situation – und die damit verbundenen Emotionen – verstanden wurde. Ich vermute, dieser Reflex kommt in Gemeinschaften häufiger vor. Dort finden sich einige meiner Lieblingsreflexe. Wenn Entscheidungen reflexiv getroffen werden, die das Leben ganzer Gemeinschaften verbessern, dann: Bravo.

Einer meiner absoluten Favoriten aus dem Reflex-Sortiment ist der Ungerechtigkeitsreflex. Doch dieser braucht eine Sonderausrüstung, damit er in der Realität funktioniert: Zivilcourage. 
Autsch!

Wer sich bereits in dieser disziplinierten Haltung versucht hat: Herzlichen Glückwunsch. 
Denn im Kleingedruckten der Zivilcourage steht, dass ein persönliches Risiko – physisch wie psychisch – droht. 
Oftmals steht der Zivilcouragierte allein auf weiter Flur, wenn er oder sie sich gegen eine Ungerechtigkeit auflehnt. 
Die Ungerechtigkeit an sich ist nicht der Ansprechpartner, sondern ihr Ausführender. 
Oder schlicht gesagt: der Rüpel, der Aggressor oder der Diktator schlechthin – sie alle führen gerne die Keule der Ungerechtigkeit im Gepäck.

Wer oder was motiviert wen, den Reflex inklusive Zivilcourage einzusetzen? 
Auch diese Antwort ist schlicht und einfach: Jemand versucht aus Überzeugung, das Richtige zu tun.

Ach du meine Güte. Was läuft bei meinem Unterbewusstsein morgens um halb sechs ab? 
Wieso schleppt es noch vor dem bewussten Aufwachen solche schweren Gedanken mit sich herum?

Keine Ahnung. Ich schreibe sie nur auf. Das ist alles.
Und mein Reflex.

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