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26. Dez 2025,

Mit dem Begriff „Dummheit“ bin ich seit langer Zeit auf Kriegsfuss. Es ist weniger der Begriff selbst, der mich ärgert – ein Wort ist ein Wort – sondern seine Anwendung.
Jemanden als dumm zu beschimpfen beschreibt dieses leidige und lästige Von-oben-herab-Kanzeln-Syndrom. Wie hiess das andere Wort für dieses Syndrom? Ach ja: Diffamierung.
Oft wird das Dummsein mit dem Fehlen von Intelligenz verwechselt – ob absichtlich oder aus Versehen, sei einmal dahingestellt, bis ich das Thema wieder abhole.
Dummheit ist klar nicht das Gegenteil von Intelligenz, wie die Geschichte der Menschheit immer wieder in ihre Kapitel reinschreiben muss.
Wie oft haben scheinbar überragend intelligente Menschen völlig dumme Entscheidungen getroffen oder rhetorischen Unsinn in den Raum geworfen? Oh ja – nicht wenige.
Dummheit zeigt sich, wenn der Vermögensstand an Urteilskraft im Minus steht.
Oder wenn jemand nicht aus Erfahrungen lernt oder vorhandenes Wissen nicht nutzt.
Dummheit zeigt keinen Mangel an Intelligenz, sondern einen Mangel an Mut – so sagte zumindest Dietrich Bonhoeffer.
Als ich diesen Satz hörte, wurde ich – wie meistens – von der lästigen Neugier geweckt.
Was meinte der Mann damit? Uh la la! Das Ergebnis meiner Recherche ist prickelnd – und, denke ich zumindest, leicht intelligent.
Dietrich Bonhoeffer sass eine lange Zeit im Gefängnis während der Nazizeit. Seine intelligenten Aktionen gegen das Aufkeimen des Faschismus blieben bei den Obrigkeiten nicht unbemerkt.
Nun, damals waren Gefängniszellen relativ karg ausgestattet. Radio und Fernsehen: völlige Mangelware. Ergo hatte der gute Dietrich (nicht Friedrich 😉) viel Zeit, sich mit seinem eigenen Kopf und dessen Gedankenfabrik auseinanderzusetzen.
Und das war gut so – denn da entstanden einige bemerkenswerte Erkenntnisse.
Wenn das moralisch-soziale Gen nur kümmerlich vorhanden ist, können Menschen zwar schlau, also intelligent sein, aber dennoch saudumm handeln.
Denn sie haben ihr Denken ins Outsourcing geschickt.
Wenn sich die Macht an die Oberfläche gespült und Gruppen gebildet hat, übernehmen Parolen das Kommando.
Damit wird das Denken ausgesondert – um in der Gruppe zu bestehen und der Macht zu genügen.
Das Selbstständige des Individuums hat sich soeben in den verlängerten Urlaub verabschiedet.
Bonhoeffer meinte auch, dass diese Dummheit des abgegebenen Denkens weit gefährlicher sei als das Böse der Menschen.
Boshaftigkeit lässt sich leichter erkennen und bekämpfen, aber bei der Dummheit läuft die Sache anders.
Die besten Argumente prallen schlicht und einfach schon an der Stirnrinde ab.
Es fehlt dabei nicht am Verstehen selbst, sondern die Betroffenen sind nicht mehr bereit, sich auf die erkennbaren Wahrheiten einzulassen.
Autsch.
Dummheit ist kein Mangel an Intelligenz – sie ist ein Mangel an Mut.
Der Mut, selbst zu denken. Der Mut, „Moment mal“ zu sagen, wenn alle nicken.
Dumm wird der Mensch dort, wo er sein Denken an Parolen delegiert und Verantwortung abgibt.
Das Beängstigende: Gegen Bosheit kann man kämpfen – gegen Dummheit redet man oft gegen eine Wand.
Und doch liegt Hoffnung darin: Dummheit ist nicht angeboren.
Sie verschwindet dort, wo Menschen wieder innerlich frei werden.
Fazit: Nicht der Dumme ist das Problem, sondern die Macht, die ihn benutzt.

