Sozial is Mus
05. Jan 2026,

Sprache lebt nicht vom Wort allein. Sie lebt von Veränderung – und vor allem von Bedeutung. Egal, ob sie geschrieben oder gesprochen wird.
Sprache, und damit auch die Rhetorik, ist ein faszinierendes Abenteuer.
Und wir sind die Abenteurerinnen und Abenteurer in Linguistikan.
Es gibt Wörter, die im Laufe ihres Lebens aus den Salons der Sprache verbannt wurden.
Sie landeten in der Gosse der Schimpfwörter.
Für manche Begriffe war das eine Tragödie – aus der Gesellschaft der „guten Wörter“ ausgeschlossen zu werden.
Andere wiederum wurden dadurch erst interessant.
Denn das Verbotene hat seinen eigenen Reiz.
Wer erinnert sich noch an das Wort „geil“?
Oder an das F-Wort im englischsprachigen Raum?
Einst verpönt, sind sie heute im Alltag völlig legal.
Wer heute noch „geil“ sagt, wirkt beinahe altmodisch – ein Fossil der 1980er.
Das Wort, das gefürchtet ist.
In Nordamerika gibt es ein Wort, das bis heute auf dem Index steht.
Nicht wegen der Verwendung desselbigen – sondern wegen seiner Bedeutung.
Ein Wort, das eine lange Geschichte trägt und bei feingeistigen Nordamerikanern fast toxische Reaktionen auslöst.
Im Kalten Krieg war es das Feindbild schlechthin – Symbol für Unfreiheit, Spionage und Unterwanderung.
In den 1940er- und 1950er-Jahren, als Senator McCarthy seine Hexenjagd eröffnete, ruinierte allein der Verdacht, diesem Wort zu nahe zu stehen, ganze Karrieren.
Später wanderte es in die politische Kampfrhetorik –
und wurde endgültig aus dem Salon verbannt.
Heute gilt es als eines der schlimmsten Schimpfwörter überhaupt.
„Bitte? Von welchem Wort hier die Rede ist?“
Vom Sozialismus.
Missverstanden seit 150 Jahren
Das Absurde daran: Kaum jemand, der das Wort als Beleidigung gebraucht, weiss wirklich, was es bedeutet.
Nicht der Staatssozialismus vergangener Regime ist gemeint,
sondern die Idee des modernen Sozialismus in demokratischen Gesellschaften.
„Eine politische und wirtschaftliche Idee, bei der nicht Einzelne,
sondern die Gemeinschaft die wichtigsten Produktionsmittel
– etwa Industrie, Boden, Energie – kontrolliert,
um soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität zu fördern.“
Oder kürzer gesagt:
Sozialismus fragt: „Was ist fair für alle?“
Kapitalismus fragt: „Was lohnt sich?“
Kanadas sanfter Sozialismus
Ein Blick nach Kanada zeigt, wie sozialistische Errungenschaften längst Teil des Alltags sind.
Die Bürgerinnen und Bürger – ja, ich auch – profitieren von einer staatlichen Krankenversicherung.
Sie unterscheidet sich von Provinz zu Provinz,
aber sie ist real. Und sie ist sozialistisch.
Auch die Altersrente ist sozialistisch –
und sie kommt allen zugute, die hier in Kanada atmen und leben.
Dasselbe gilt für das öffentliche Schulsystem oder die Sozialhilfe.
Das alles ist gelebter Sozialismus – im besten Sinn des Wortes.
Schockiert? Wohl kaum.
Amüsant wird es, wenn das Wort Sozialismus fällt.
Nein, nicht auf die Nase, sondern im Gespräch.
„Der Staat mischt sich ein!“
Ja – er schafft Regeln für Banken, Umweltpolitik und Arbeitsschutz.
„Die wollen alles umverteilen!“
Ja – ist das nicht der Sinn von Steuern, dass finanziell schlechter
gestellte Bürger:innen unterstützt werden?
„Das ist wie in der Sowjetunion!“
Na sowas – ein altbackenes Echo aus dem Kalten Krieg.
„Kostenlose Gesundheitsversorgung? Sozialismus!“
Und das ist … schlecht?
„Staatliche Unterstützung ist Kommunismus!“
Welche Teile von Arbeitslosenhilfe, Renten oder Förderprogrammen wären denn zu sozialistisch?
Und wer ruft: „Die sind alle Kommunisten!“,
sollte vielleicht in die Geschichtsbücher schauen.
Zwischen Sozialdemokratie, demokratischem Sozialismus und Kommunismus
passt kein Gleichheitszeichen.
Die Welt, wie wir Älteren sie kannten, steht im Umbruch.
Bedrohungen geben sich die Klinke in die Hand.
Künstliche Intelligenz wird viele Arbeitsfelder verändern –
und die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnen.
Der Blick in eine lebenswerte Zukunft durch die Folgen der
Klimakatastrophe ist von Fragezeichen gepflastert.
Ja, die Zeiten sind kritisch.
Und ja, wir Zeitkritischen sind alarmiert.
Aber: Der Homo sapiens ist von Natur aus sozial.
Ganz leise nennt er sich manchmal selbst
Homo socialis.
Und auf den sollten wir zählen.

